Susanne und Hans Sutter-Wartenweiler aus Degersheim führen im Kloster Magdenau ein eigenes Webatelier. Als sie mit 60 Jahren plötzlich ohne Job dastehen, erfüllen sie sich diesen langjährigen Wunsch. Weben helfe einem gerade auch in Krisensituationen, sagen sie.
Susanne Sutter-Wartenweiler öffnet eine der vielen Türen im Kreuzgang des Klosters Magdenau. Schon steht sie mitten in ihrem Webatelier, das sie zusammen mit ihrem Mann Hans betreibt. Garn in allen Farben, Geschirrtücher mit den Namen «Mondlicht», «Tulpenfeld» und «Geburtstag, alle Freunde sind gekommen», selbst gemachte Hemden, Schals und vieles mehr leuchten einem entgegen. Der Blick fällt durch die Fenster in den Klostergarten. «Jeden Monat gibt’s draussen im Garten andere Farben, die mich während des Webens inspirieren», sagt die 77-Jährige. Acht Webstühle, darunter moderne Modelle sowie über hundertjährige historische Exemplare, stehen in den drei Räumen des Webateliers. Weben ist für Susanne Sutter-Wartenweiler etwas, das sich durch ihr ganzes Leben zieht und das Körper, Seele und Geist in Einklang bringt. Es ist eine Tätigkeit, die sie selbst in schwierigen Lebenssituationen gerettet hat und mit der sie anderen durch Krisen hilft. Das Webatelier in Magdenau besuchen nebst handwerklich interessierten Personen etwa auch Menschen, die von einem Burn-out betroffen sind oder die eine Suchterkrankung haben. «Wenn man das Gefühl hat, nichts mehr in seinem Leben auf die Reihe zu bringen und dass nichts mehr klappt, kann es ungemein helfen, wenn man auf einmal so etwas Schönes wie ein Stück Stoff selbst herstellt», sagt sie.

Weben am Treppengeländer
Susanne Sutter-Wartenweiler ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter einen kleinen Webstuhl geschenkt bekommt. «Es war mein grösster Wunsch, diesen zu benutzen, aber das erlaubte mir meine Mutter nicht», sagt sie und erzählt, wie sie daher am Treppengeländer Schnüre spannte und an diesen webte. Später als junge Frau bringt sie sich das Weben selber bei, macht eine Ausbildung zur Sozialpädagogin und anschliessend zur Logotherapeutin. Ob in Altersheimen, Institutionen für Menschen mit einer Behinderung oder für Menschen mit einer Suchterkrankung: Stets merkt sie, dass das Weben eine beruhigende Wirkung auf die jeweiligen Personen hat und diese zufrieden macht. «Durch meine eigene Geschichte konnte ich mich immer in Menschen hineinversetzen, die sich in herausfordernden Lebenssituationen befanden», sagt sie.
In eine solche Situation gerät auch Susanne Sutter-Wartenweiler unvermittelt nach der Geburt ihres dritten Kindes. Die Plazenta löst sich nicht und muss operativ während einer Vollnarkose entfernt werden. Am Ende der Narkose beginnt Susanne Sutter-Wartenweiler nicht, selbstständig zu atmen. Rund zweieinhalb Minuten dauert es, bis sie wieder mit Sauerstoff versorgt ist. «In diesem Moment hatte ich eine Nahtoderfahrung. Ich schwebte über mir und sah mich selbst. Dann erblickte ich die Buchstaben des Wortes «Jesus» in falscher Reihenfolge vor mir und konnte sie nicht ordnen. Und eine Stimme fragte mich ständig nach dem Sinn. Aber ich konnte keinen Sinn sehen, in nichts», sagt Susanne Sutter-Wartenweiler, die in Degersheim in einer evangelisch-reformierten Familie aufgewachsen ist und in deren Leben der Glaube immer eine grosse Rolle gespielt hat.


Den Sinn wiederfinden
Das Gefühl der Sinnlosigkeit zieht sich durch die Wochen nach der Geburt und wird stärker. «Wickeln, kochen, essen, putzen und das pausenlos», sagt sie. Eines Nachts steht sie auf dem Balkon und möchte sich hinunterstürzen. «Da bat ich Gott um ein Zeichen, dass alles bald besser wird.» Am nächsten Morgen klingelt es. Vor der Haustüre steht ein Mitglieder der Heilsarmee. «Ich erzählte ihm alles, etwa wie schlecht es mir ging und dass ich den Sinn im Leben verloren hätte», sagt sie. Der Mann habe sich aber kaum für ihre Geschichte interessiert. Er habe bloss gesagt, wenn es ihr so schlecht gehe, solle sie doch einfach mal ans Kreuz schauen. Dort sei einer, der genau der Sinnfrage wegen gestorben sei. «Danach ging es mir immer besser. Und nach 14 Tagen fragte mich mein Mann, was nur passiert sei. Ich sei wie ausgewechselt. Der Grund dafür war, dass Gott mich kleinen Menschen mit meiner Not tatsächlich gesehen hatte.»




Ein gemeinsames Projekt
Als beide 55 Jahre alt sind, bekommen Susanne und Hans Sutter-Wartenweiler die Leitung des Hotels Pension Heimeli in Hemberg des Verbandes für christliche Hotels in der Schweiz angeboten. «Wir haben das einfach gewagt, weil wir uns schon immer nach einem gemeinsamen Projekt gesehnt haben», sagt Susanne Sutter-Wartenweiler. Einerseits sei es ein klassisches Seminarhotel gewesen. Andererseits ein Ort, an dem etwa Menschen mit einer Behinderung gemeinsam die Feiertage über Weihnachten und Ostern verbringen konnten.
Mit 60 Jahren ohne Arbeit
Nach fünf Jahren, an Weihnachten 2007, mussten Susanne und Hans Sutter-Wartenweiler ihren Gästen mitteilen, dass das Hotel verkauft worden sei und in Kürze geschlossen werde. «Das war ein sehr schwerer Moment. Die Gäste, die teils seit Jahren dort hinkamen, waren betroffen und traurig. Und ich und mein Mann standen mit 60 Jahren ohne Arbeit da», sagt sie. «Ich fand dann, es sei vielleicht einfach der passende Moment, einen Traum wahr werden zu lassen und ein eigenes Webatelier zu gründen.» Dieses richten sie zunächst in Degersheim ein. Bald spricht sie eine Bekannte darauf an, dass die Schwestern im Kloster Magdenau seit Langem nach jemandem suchen, der den historischen Webstuhl flicken und betreiben kann, und ob sie das nicht tun wolle. «Ich wollte nicht. Aber ich ging dann des Friedens willen im Kloster Magdenau vorbei», sagt sie.

Der Ort, die Räume und der Blick in den blühenden Klostergarten: Susanne und Hans Sutter-Wartenweiler sind sofort begeistert und ziehen 2017 mit ihrem Webatelier ins Kloster. «Schwester Rafaela erzählte mir, dass sie acht Jahre lang gebetet habe, um jemanden für den historischen Webstuhl zu finden», sagt sie. Seither ist das Webatelier jeden Mittwoch oder nach Absprache auch an anderen Tagen für alle Interessierten geöffnet. Ein Halbtag kostet 25 Franken, hinzu kommen die Materialkosten wie etwa für Garn. Bevor die Teilnehmenden eintreffen, richten Susanne und Hans Sutter-Wartenweiler die Webstühle jeweils ein und ziehen die Fäden auf. «Ich liebe diese Vorbereitungen, denn alles muss perfekt sein», sagt sie.

Das Leben so nehmen
Ihren Mann Hans bezeichnet Susanne Sutter-Wartenweiler als ihren besten Weber. Auch an diesem Morgen sitzt er konzentriert an einem Stück Stoff oder behebt technische Probleme an den Webstühlen. Einmal löst sich ein Gewicht an einem der Rahmen und muss wieder eingehängt werden. Ein anderes Mal hilft er einer Teilnehmerin beim Umspannen. Diese erzählt, wie sie die Visitenkarte des Webateliers zwei Jahre lang aufbewahrt habe, bis sie sich endlich die Mittwochmorgen fürs Weben habe freischaffen können. Am Nachmittag hat sich zudem noch eine Ärztin aus München angekündigt, die gleich an vier aufeinanderfolgenden Tagen in Magdenau weben möchte. «Wir sind 77 Jahre alt. Unsere Produkte laufen im Klosterladen so gut, dass wir mit Weben kaum nachkommen», sagt Susanne Sutter-Wartenweiler. «Wir machen das, was uns glücklich macht. Dafür muss man das Leben so nehmen, wie es kommt, und Vertrauen haben», sagt sie und nennt zum Abschied einen grossen Wunsch: dass sich bald eine Nachfolge fürs Webatelier findet. «Denn das ist in der heutigen Zeit gar nicht so einfach.»
www.kloster-magdenau.ch/Magdenau-besuchen/Webatelier/
Text: Nina Rudnicki
Bilder: Ana Kontoulis
Veröffentlichung: 21. März 2025